Kosztolányi – Ein Held seiner Zeit (Zwölftes Kapitel)

Aber ich ging ja nicht zum Leben dorthin, sondern zum Lernen. Vor allem, um ihre etwas harte und spröde, verschlungene und komplizierte, aber wunderbare uralte Sprache zu lernen, in der ich erst höchst unbeholfen herumstotterte. Oft verstand ich nicht, was sie sagten. Oft verstanden sie nicht, was ich sagte. Diese beiden Mängel gleichen sich nicht aus, sondern steigerten einander. Mein ganzer Ehrgeiz war es, Deutsch zu können. Ich spitze die Ohren wie ein Geheimpolizist. Mit allen fing ich ein Gespräch an. Es liefen ja lebende Wörterbücher und Grammatiken umher. Ich wollte in allen blättern. Sogar dreijährige Kinder grüßte ich zuerst, weil sie besser Deutsch konnten als ich, obwohl ich Kants Prolegomena im Original gelesen und verstanden hatte. Wenn ich auf der Straße einen Wortfetzen nicht verstand, verdüsterte sich meine Laune. Einmal war ich fast zum Selbstmord bereit, als ein Händler, der den fremden Tonfall meiner im übrigen leidlichen Rede ausgemacht hatte, auf meine Fragen nicht antwortete, sondern – bestimmt aus Zuvorkommenheit – Zeichen machte wie einem Taubstummen oder einem Wilden. Ich arbeitete mit unermüdlichem Fleiß und ließ nichts aus, was meinen Fortschritt fördern konnte. Leider erlitt ich viele Niederlagen. Nach einem Studentengelage fuhr ich spät in der Nacht mit einer Droschke nach Hause. Ich fragte den Kutscher, was ich ihm schuldig sei. Wahrscheinlich verstand ich ihn nicht richtig und drückte ihm zuwenig in die Hand. Der Kutscher begann zu brüllen, nannte mich einen verlausten Kerl, zwickte sogar mit der Peitsche nach mir, aber ich war einfach nur überwältigt, wie korrekt er die unregelmäßigen Verben konjugierte, wie meisterlich er Subjekt und Prädikat aufeinander bezog, wie reichhaltig sein Wortschatz war, und ich kramte nach meinem Bleistift, um alles zu notieren. Da war auch der Kutscher einigermaßen überwältigt. Nicht von seinen eigenem Wortschatz, sondern von der Tatsache, daß ich seine schmutzige Grobheit ergeben hinnahm. Er dachte, ich sei so etwas wie ein Sektenbruder oder ein Verrückter. Dabei war ich bloß ein Linguist.

Dieser Beitrag wurde unter Gelesen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s