Dostojewskij – Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (Die Beschwerde)

Hier waren alle Phantasten, und das fiel einem sofort auf. Das fühlte man mit krankhafter Sensibilität, eben weil diese Phantastik der übergroßen Mehrheit dem ganzen Ostrogg ein so griesgrämiges und finsteres, so ein gewisses ungesundes Aussehen verlieh. Die Meisten waren schweigsam und böse bis zu einem fast auf alles sich erstreckenden Haß und liebten es nicht, ihre Hoffnung zur Schau zu tragen. Einfachheit und Offenherzigkeit wurden verachtet. Je aussichtsloser die Hoffnungen waren, und je mehr der Betreffende selbst die Aussichtslosigkeit fühlte, um so hartnäckiger und verschämter verbarg er sie in seinem Innersten, aber sich von ihr loszusagen und auf sie zu verzichten, das vermochte er doch nicht. Wer weiß, vielleicht schämte sich so mancher innerlich seiner Träume. Im russischen Charakter liegt soviel Sinn für die Wirklichkeit und soviel Nüchternheit des Blicks, soviel innerer Spott, in erster Linie über sich selbst… Vielleicht nun war gerade diese beständige, verborgene Unzufriedenheit mit sich selbst die Ursache der gereizten Unduldsamkeit dieser Menschen in ihrer täglichen Berührung miteinander, diese Unversöhnlichkeit und diese Spottlust in ihrem Verkehr untereinander.

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